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Aufgedeckt

Die Schwarzmarkt-Zahl, auf die sich niemand einigt

3. April 2026Branche & RechtLesezeit ~6 Min

Wie groß ist der illegale Online-Glücksspielmarkt in Deutschland? Je nachdem, wen man fragt, sind es 23 Prozent, die Hälfte oder über 80 Prozent. Vier Quellen, vier Antworten, und sehr unterschiedliche Interessen dahinter.

DeutschlandGGL-Erlaubnis seit 2021, Kanalisierungsziel über 80 %

Seit 2021 sind virtuelle Automatenspiele und Online-Poker in Deutschland erlaubt, sofern der Anbieter eine Erlaubnis der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) besitzt. Das erklärte Ziel des Glücksspielstaatsvertrags ist die Kanalisierung: Spieler sollen vom unregulierten Markt zu den lizenzierten, kontrollierten Angeboten wechseln. Ob das gelingt, hängt an einer einzigen Frage. Wie viel des Geldes läuft noch am legalen Markt vorbei?

Die Antworten könnten kaum weiter auseinanderliegen. Die GGL selbst sieht sich auf Kurs. Eine von ihr beauftragte und vom Blockchain Research Lab durchgeführte Befragung von Spielenden kam auf einen Anteil unerlaubter Angebote von rund 23 Prozent. Die Behörde betonte, der regulierte Markt mache den Großteil aus (GGL-Mitteilung).

Andere Untersuchungen zeichnen ein düstereres Bild. Eine Analyse des Handelsblatt Research Institute vom Herbst 2025 sieht den Schwarzmarkt deutlich größer. Die Branchendatenbank H2 Gambling Capital bezifferte die Kanalisierung im September 2025 auf nur 36 Prozent, weit unter der Zielmarke. Und das Hessische Finanzgericht schätzte im Herbst 2024 für den Teilbereich der virtuellen Automatenspiele einen Schwarzmarktanteil von über 80 Prozent.

Vier Quellen, vier Zahlen

  • ~23 %
    unreguliert, laut GGL / Blockchain Research Lab (Spielerbefragung, 2026)
  • ~50 %
    auf illegalen Seiten, so eine vielzitierte Schätzung des Ökonomen Gunther Schnabl (2023), auf die sich der Online-Casinoverband beruft
  • 36 %
    Kanalisierung, laut H2 Gambling Capital (September 2025)
  • >80 %
    Schwarzmarkt bei virtuellen Automatenspielen, Schätzung des Hessischen Finanzgerichts (Herbst 2024)

Warum die Zahlen so weit auseinandergehen

Der wichtigste Grund ist die Methode. Eine Befragung von Spielenden misst etwas anderes als eine Auswertung von Internet-Traffic oder von Steuerdaten. Wer Menschen fragt, ob sie auf nicht lizenzierten Seiten spielen, bekommt vorsichtige Antworten, illegales Verhalten wird in Umfragen selten offen zugegeben. Traffic-Messungen wiederum erfassen Besuche, nicht zwingend echte Einsätze. Und Steuerdaten zeigen nur den legalen Teil, der Rest bleibt eine Hochrechnung.

Hinzu kommt die Bezugsgröße. Misst man den Anteil der Spieler, der Spielzeit oder des eingesetzten Geldes? Gerade Vielspieler mit hohen Einsätzen weichen eher auf unregulierte Anbieter aus, weil dort das deutsche Einzahllimit und andere Auflagen nicht gelten. Ein kleiner Anteil der Konten kann so einen großen Anteil des Umsatzes ausmachen. Genau dieses Muster zeigt sich auch in den Niederlanden, wo strengere Limits die Verluste senkten, aber Spieler abwandern ließen.

iKanalisierungDer Begriff beschreibt, wie gut es gelingt, Spieler vom unregulierten zum lizenzierten Angebot zu lenken. Der Glücksspielstaatsvertrag nennt als Ziel eine Quote von über 80 Prozent.

Wer hat welches Interesse?

Zahlen zum Schwarzmarkt sind nie neutral. Die Aufsicht hat ein Interesse daran, die eigene Arbeit als erfolgreich darzustellen, eine niedrige Schwarzmarktquote spricht für die Regulierung. Die Anbieterverbände wiederum betonen einen großen Schwarzmarkt, um für niedrigere Steuern und lockerere Auflagen zu werben, mit dem Argument, nur ein attraktiveres legales Angebot hole die Spieler zurück. Der europäische Verband EGBA argumentiert ähnlich auf EU-Ebene.

„Datenqualität vor Tempo." So fasste die GGL auf dem Deutschen Glücksspielkongress 2025 ihren Anspruch zusammen, ein Eingeständnis, dass belastbare Zahlen schwer zu bekommen sind.Sinngemäß nach Berichten vom Deutschen Glücksspielkongress 2025

Wie umkämpft das Feld europaweit ist, zeigt eine Schätzung des Analysehauses YieldSec, nach der 71 Prozent des europäischen Online-Marktes auf illegalen Seiten stattfänden, eine Zahl, die Regulierer wie die EGBA deutlich anzweifeln.

Was das für Spieler bedeutet

Hinter der Statistik steht ein konkretes Risiko. Auf nicht lizenzierten Seiten gibt es kein deutsches Einzahllimit, keine Anbindung an das zentrale Sperrsystem OASIS und keinen geregelten Beschwerdeweg. Bleibt eine Auszahlung aus, gibt es kaum Handhabe. Wer wissen will, welche Anbieter überhaupt unter deutscher Aufsicht stehen, sollte zuerst die Lizenzlage prüfen. Welche Erlaubnis hinter einem Casino steckt und worin sich eine deutsche GGL-Erlaubnis von ausländischen Lizenzen unterscheidet, ist dafür der erste Schritt.

!Steuer- und SchutzlückeDen Ländern entgehen durch den unregulierten Markt jährlich mehrere Hundert Millionen Euro an Steuern. Für Spieler entfällt dort zugleich der gesamte gesetzliche Schutz.

Eine seriöse Gesamtzahl gibt es derzeit nicht, und vielleicht wird es sie nie geben. Sinnvoller als der Streit um die eine richtige Prozentzahl ist der Blick darauf, wohin sich der Markt bewegt. Und hier deuten mehrere Quellen in dieselbe Richtung: Der unregulierte Teil ist zuletzt eher gewachsen. Auch in Schweden gilt ausgerechnet das Online-Casino als schwächstes Glied der Kanalisierung.