Online-Casino, das schwächste Glied der Kanalisierung
Schweden gilt seit der Marktöffnung 2019 als europäisches Vorzeigemodell für regulierte Online-Glücksspielmärkte. Doch die jüngsten Zahlen zur Kanalisierung zeichnen ein gespaltenes Bild: Während Sportwetten den Großteil der Spieler in den lizenzierten Markt lenken, bleibt das Online-Casino auffällig hinter den politischen Zielvorgaben zurück.
Was Kanalisierung misst
Der Begriff Kanalisierung beschreibt den Anteil des Glücksspiels, der über lizenzierte Anbieter abgewickelt wird, im Verhältnis zum gesamten Spielvolumen einschließlich nicht regulierter Angebote. Je höher die Quote, desto mehr Spieler bewegen sich innerhalb des kontrollierten Systems mit Spielerschutz, Steuerpflicht und Aufsicht. Eine niedrige Quote signalisiert dagegen, dass ein relevanter Teil der Nachfrage zu Anbietern ohne nationale Lizenz abwandert.
Schweden hatte sich mit der Re-Regulierung im Rahmen des Gambling Act 2018, in Kraft seit 2019, ein Kanalisierungsziel von 90 Prozent gesetzt. Dieses Ziel wird bislang nicht erreicht.
Die offiziellen Zahlen der Aufsicht
Die schwedische Glücksspielaufsicht Spelinspektionen schätzte die Kanalisierung für das Online-Glücksspiel im Jahr 2025 auf rund 84 Prozent. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber 86 Prozent im Jahr 2023. Den entsprechenden Bericht veröffentlichte die Behörde am 15. Juni.
Aufschlussreich wird die Zahl erst bei der Aufschlüsselung nach Vertikalen. Im Bereich Sportwetten erreicht der lizenzierte Markt eine Kanalisierung von 95 Prozent. Das Online-Casino hingegen kommt nur auf 68 Prozent. Damit liegt fast ein Drittel des Online-Casino-Spiels außerhalb des regulierten Systems.
Auch die Messmethode beeinflusst das Ergebnis erheblich. Eine Spielerbefragung kam auf eine Gesamtquote von 89 Prozent, während eine Auswertung über Web-Traffic-Daten nur 78 Prozent ergab. Diese Spannweite zeigt, wie schwer sich der nicht lizenzierte Markt überhaupt verlässlich beziffern lässt.
Konkurrierende Messungen
Die Diskussion verschärft sich, weil der schwedische Branchenverband BOS auf Basis einer Studie der Kanzlei Nordic Legal deutlich niedrigere Werte vorlegt. Demnach liegt die Gesamt-Kanalisierung nicht bei 84, sondern nur bei 68 Prozent. Für das Online-Casino nennt die Studie sogar lediglich 57 Prozent, bei Sportwetten 77 Prozent.
Zum Vergleich verweist der Verband auf das benachbarte Dänemark, dessen Kanalisierung mit 90 bis 95 Prozent angegeben wird. Die Differenz zwischen behördlicher Schätzung und Verbandsstudie ist erheblich und entscheidet darüber, ob das schwedische Modell als weitgehend erfolgreich oder als deutlich verfehlt gilt.
Kanalisierung Schweden, je nach Quelle
- 84 %Online-Glücksspiel gesamt nach Schätzung der Aufsicht für 2025, leicht runter von 86 Prozent (2023). Spelinspektionen
- 95 %Kanalisierung im Bereich Sportwetten nach offizieller Aufschlüsselung. iGaming Business
- 68 %Kanalisierung im Online-Casino nach Behördenangaben, das schwächste Segment.
- 89 / 78 %Spielerbefragung gegenüber Web-Traffic-Methode, zwei Wege, dieselbe Frage.
- 68 %Gesamtquote nach der BOS-Studie der Kanzlei Nordic Legal, deutlich unter dem offiziellen Wert. SBC News
- 57 %Online-Casino nach BOS-Studie, Sportwetten 77 Prozent.
- 90 bis 95 %Kanalisierung in Dänemark als Vergleichsmaßstab des Verbands.
Warum gerade das Casino abwandert
Das Online-Casino ist die Spielform, bei der lizenzierte und nicht lizenzierte Angebote für den Spieler am ehesten austauschbar wirken. Wer auf einer regulierten Seite an Einzahlungslimits, Verlustgrenzen oder Pausenfunktionen stößt, findet im nicht regulierten Markt vergleichbare Spiele ohne diese Einschränkungen. Genau diese Schutzmechanismen, die das regulierte Casino sicherer machen sollen, können einen Teil der Nachfrage abdrängen.
Hier zeigt sich der Kern der Debatte um die Frage, welche Lizenzmodelle Spieler überhaupt schützen. Ein Lizenzsystem entfaltet Wirkung nur dann, wenn die ganz überwiegende Mehrheit der Spieler innerhalb des Systems bleibt. Sinkt die Kanalisierung in einer Vertikale auf zwei Drittel oder darunter, betreffen die Schutzvorgaben nur noch einen Teil des realen Spielgeschehens.
Einordnung im europäischen Kontext
Die schwedische Erfahrung ist auch für andere regulierte Märkte aufschlussreich. In der deutschen Schwarzmarktdebatte wird ähnlich darüber gestritten, wie groß der nicht lizenzierte Anteil tatsächlich ist und welche Zahlen belastbar sind. Die schwedische Spannweite zwischen 57 und 89 Prozent je nach Quelle und Vertikale zeigt, wie sehr Methodik und Interesse das Ergebnis prägen.
Auch die Frage der Limits spielt mit hinein. Die niederländische Diskussion über Einzahlungsgrenzen berührt denselben Zielkonflikt: Strengere Vorgaben erhöhen den Spielerschutz im regulierten Markt, können aber den Anreiz zum Wechsel in nicht regulierte Angebote verstärken, wenn die Lücke zwischen beiden Welten zu groß wird.
Was das für die Regulierung bedeutet
Das schwedische 90-Prozent-Ziel bleibt vorerst unerreicht, gleich nach welcher Lesart. Selbst die optimistische Behördenschätzung von 84 Prozent liegt darunter, die Verbandsstudie sieht den Markt mit 68 Prozent noch deutlich weiter entfernt. Beide Lesarten teilen einen Befund: Das Online-Casino ist das schwächste Glied der Kanalisierung und damit der Hebel, an dem über den Erfolg des gesamten Modells entschieden wird.
Für die laufende europäische Regulierungsdebatte liefert Schweden damit ein nüchternes Lehrstück. Eine Marktöffnung allein garantiert keine hohe Kanalisierung. Entscheidend ist, ob das lizenzierte Angebot für die Spieler attraktiv genug bleibt, ohne den Spielerschutz aufzugeben, und ob die Aufsicht den nicht regulierten Markt wirksam eindämmen kann.
